Dies sind eure Definitionen, nicht meine

Eine frühere Fassung dieses Textes wurde unter dem Titel „Wann ist ein Mann ein Mann“ am 11. April 2018 im Polit-Magazin Kater Demos gedruckt.

„Nicht gefallen zu müssen, anderen mal nicht das zu zeigen, was sie sehen wollen. Sondern die Leute aus ihrer Komfortzone jagen, ihr Weltbild hinterfragen, das Erwartete zurückhalten und überfordern“, grölt Sylvester Alone in die überfüllte Neuköllner Bar hinein. Er erntet tosenden, non-binären Applaus von Drags, Queers und Unterstützer*innen dieser Botschaft: Mehr Radikalität in den politischen Forderungen, sonst passiert auch nichts!

Trans*Personen sind auf Rückhalt und Solidarität angewiesen. Sie sind wenige, sie haben keine Lobby, nirgends. Was man ihnen zugestand – vor immerhin 37 Jahren – war das deutsche Transsexuellengesetz, das heute nur noch rudimentär anwendbar ist und von Bundesrat und Bundesverfassungsgericht bruchstückweise kassiert wurde: Noch vor zehn Jahren wurden Verheiratete nach ihrer Transition zur Scheidung gezwungen, und bis 2011 wurden Betroffene mit Namensänderungswunsch erpresst, sich erst einmal operieren zu lassen, bevor Verwaltungsfachangestellte überhaupt darüber nachdenken, den Stempel in die Hand zu nehmen. Dieses Gesetz „schützt“ bis heute Trans*Personen vor sich selbst, statt Selbstbestimmung zu sichern. Weiterhin erleben jährlich Tausende die schikanierenden Hürden, die keinem nützen, aber dem Großteil großen Schaden zufügen. Im November 2017 wurde noch einmal nachgelegt und ein „drittes Geschlecht“ im deutschen Geburtenregister gefordert, der Ethikrat empfahl sogar einen völligen Verzicht der Geschlechterangabe im Personenstandsregister. Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet erst seit 2018 Transsexualität wertfrei als „Geschlechter-Inkongruenz“ und befreit Trans* endlich von dem Stigma einer Krankheit.

Blickdiagnose für die Katz

Diskriminierung scheint bei der Personenstands- und Namensänderung unverzichtbar zum Selbstverständnis der politischen Mitte zu gehören. Auch die vorformulierte Zweigeschlechtlichkeit darf bis heute von keinen behördlichen Vordrucken verschwinden, und jede Aufforderung, sich mit der eigenen Identität auseinander setzen zu müssen, scheint der wenig gefestigten Mehrheit pure Angst einzujagen. Denn Diversität fordert Flexibilität.

Sylvester Alone hat diese Angst nicht, er ließ seine weibliche Identität hinter sich und trägt im Alltag den Namen Jan. „Noch vor drei Jahren war ich eine unscheinbare Studentin in Sachsen-Anhalt, die bewusst kurze Schritte tapste und von der Mutter ermahnt wurde, gerade zu sitzen. Dann der lange Blick in den Spiegel, das innere Coming Out vor mir selbst, schließlich vor meinem Partner, und nun bin ich Trans*Aktivist in Berlin. Sowas kann passieren, wenn man sich in Frage stellt. Aber erst, seit ich als Fremdling wahrgenommen werde, fühle ich mich nicht mehr wie einer.“

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Die Blickdiagnose ist bei Jan für die Katz, wechselndes Make-up und Unisex-Kleidung machen eine Geschlechterzuteilung unmöglich. Jan hilft seiner Umwelt nicht, ihn geschlechtlich zu kategorisieren, und das hat seinen Grund. Auf YouTube stellt er als Kater Schnurz Fragen wie: Wann ist ein Mann ein Mann? „Nehmen wir an, du bekommst ein Kind mit Penis. Nun behaupte ich, dass die Hebamme nach der Geburt nicht sicher gestellt hat, ob das geschlechtsdefinierende XY-Chromosom vielleicht fehlt. Ob vielleicht Eierstöcke statt Hoden angelegt sind, oder ob das Baby androgen-resistent ist, also sein Testosteron gar nicht verarbeitet werden kann, und in der Pubertät die Brüste beginnen zu wachsen. Ich stelle das Geschlecht des Kindes im blauen Strampler genetisch, organisch und hormonell in Frage – denn laut Statistik ist Intersexualität bei einem von 400 Kindern der Fall.“ Die Wissenschaft schreitet voran, Identitäten wandern, und die binäre Welt bröckelt. Da hilft es auch nicht, dass Präsident Trump der US-Gesundheitsbehörde verbietet, das Wort „Transgender“ im Haushaltsplan 2018 zu erwähnen: Trans* ist ein Fakt, der sich nicht ändern lässt. Geändert werden kann nur der Rahmen für Kinder, ihre Familie und ihr Umfeld.

Trans* als politisches Handlungsfeld begreifen

Wie beschwerlich deren Leben in Deutschland aussehen wird, liegt vorwiegend noch immer an der deutschen Regierung. In der Union will man von dem Thema vorher noch nie gehört haben und legte nun zähneknirschend ihren überfälligen Gesetzesentwurf zum dritten, „diversen“ Geschlecht nach. Doch das ändert nichts am behördlichen Spießrutenlauf, den Jan bewusst meidet: „Niemand weiß, wieviel Prozent der Bevölkerung sich als Trans* identifiziert. Denn wer keine Vornamens- und Personenstandsänderung beantragt, wird statistisch gar nicht erst erfasst. Ich kenne Trans*Personen, die völlig auf Umgestaltung verzichten, andere wählen die Mastektomie, nehmen andersgeschlechtliche Hormone oder lassen sich komplett operieren, doch nur Wenige beugen sich diesem psycho-pathologisierenden Begutachtungszwang.“

Diese Unsichtbarkeit, diesen blinden Fleck in der Wähleranalyse, begreift Jan auch als Chance: „Die Notwendigkeit, den Trans*Komplex endlich als politisches Handlungsfeld zu begreifen, schafft Bewegung bei den Grünen, den Linken, den Liberalen und langsam auch bei den Sozialdemokraten.“ Doch nicht eine dieser Parteien würde derzeit die geschlechtliche Selbstbestimmung zur Koalitionsbedingung machen, wie jüngst die gleichgeschlechtliche Ehe. „Trans*Rechte halten der Kosten-Nutzen-Analyse keiner Partei stand. Am Ende gilt – bei den vermeintlich explodierenden Kosten – eine Beibehaltung des Status Quo eh als alternativlos.“ Dass nach Grünen-Berechnungen neue Trans*Regelungen den Staat, dem Bürger und der Wirtschaft exakt 0 Cent kosten würden, und Krankenkassen wie Gerichte in großem Maße entlastet würden, stieß bei der Union erwartungsgemäß auf taube Ohren. „Der Bundesrat und das Bundesverfassungsgericht haben die Regierung wie oft schon gerügt? Merkel kann machen, wie es ihr beliebt.“ Solang Trans* als Krankheit gilt, verlangt das alte Gesetz weiterhin entwürdigende, kostspielige Gutachten – erst, wenn sich dies ändert, würde der Gang zum Standesamt genügen.

So ein nüchtern-unkomplizierter Verwaltungsakt war die Personenstandsänderung einer mexikanischen Sechsjährigen, und auch in Norwegen und Luxemburg ist es bereits Kindern überlassen, ihr Geschlecht zu bestimmen. Deutschland hingegen fällt im internationalen Vergleich eher durch das jahrzehntelang angesammelte Paragraphengestrüpp auf – aber immerhin lässt es sich hier friedlich und privilegiert leben. Jan baut auf einen Dominoeffekt: „Im letzten Jahrzehnt wuchs das Bewusstsein für Trans* ja erst langsam. Leitmedien und TV-Dokumentationen transportieren das Thema in die Wohnzimmer, Schulen bieten Queer-AGs an, und so baut sich nach und nach Solidarität auf. Die kleine Trans*Community bewegt sich, eckt an, behauptet sich und gewinnt international Beachtung dank sozialer Netzwerke. Es braucht Zeit, aber es wird der Moment kommen, da die zweigeschlechtliche Welt ihre selbstgesteckten Grenzen überwinden wird, in der endlich nicht mehr Transsexualität, sondern Transphobie als psychische Krankheit gelten wird.“

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Portrait-Aufnahmen von Jan: Piotr Pietrus


Das Märchen vom Penis

Eine frühere Fassung dieses Textes wurde unter dem Titel „Wann ist ein Mann ein Mann“ am 11. April 2018 im Polit-Magazin Kater Demos gedruckt.

„Gefühlt jede zweite Lesbe in meinem Freundeskreis steckte plötzlich im Stimmbruch und ließ sich einen Bart wachsen“, erinnert sich Nic an die Zeit, in der er verständnislos zusah, wie eine stolze Butch nach der nächsten mit der Transition begann. Es waren sieben aufregende Jahre, in denen er mit den Kingz of Berlin auf der Bühne mit angespanntem Po in die Luft bumste und den Schweiß in die rasende Meute spritzte – doch bei Geschlechtsangleichung hörte es bei ihm auf. Weshalb sich das zuvor verurteilte Gender-Privileg des Mannes aneignen und in heterosexuelle Beziehungsmuster fallen? Ihm als trans*identem Queer genügte es, genderfluid zu sein und sich nicht selbst mit Etiketten der zweigeschlechtlichen Welt festzulegen, sondern seinen eigenen Weg zu gehen. Dachte er.

„Ich war Anfang Vierzig, hatte Haus, Frau, Katzen und einen super Job. Ich war angekommen.“ Bis ein Tumor von einemTag zum nächsten Nics Leben auf den Kopf und alles in Frage stellte, nicht zuletzt die eigene Zukunft mit all ihren Möglichkeiten. Psychosomatische Folgeerscheinungen blieben nicht aus, der Körper zwang ihm immer wieder existentielle Fragen auf. „Ich musste alles, was ich gedacht und gelebt hatte, bewusst loslassen. Die Furcht vor der Transition wurde schließlich kleiner als die Angst, weiterzuleben wie bisher. Wenn ich damals gewusst hätte, wie ich mich heute fühle, hätte ich es schon vor Jahrzehnten getan.“

Penoid-Aufbau ausgeschlossen

Doch vor Jahrzehnten lebte er in einem Frauenkörper. Als Vierjährige gab sich Nic den ersten männlichen Vornamen, mit 14 Jahren wurde mit krummem Buckel versucht, die großen Brüste zu verbergen, dann gründete er mit den Kingz of Berlin die erste Drag-King-Truppe Europas, und doch gab es die Sperre im Kopf, das Problem der empfundenen Körperdysphorie nicht zu verbalisieren, auch nicht vor sich selbst. Der Schock der Krankheit und die Angst vor Krebs ließen diese Scheuklappen fallen: Nic nahm seinen Mut zusammen und erkämpfte sich den Körper, den er ein Leben lang vermisst hatte. Ein erster, nicht verhandelbarer Schritt war die Mastektomie: „Ich wachte nach der Operation auf, blickte begeistert an meinem brustlosen Oberkörper hinunter und dachte: Na, der Bauch muss weg!“, grinst er.

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Nic (rechts) mit den Kingz of Berlin, dem Gender-Fuck-Phänomen zum Millennium (Bild: SIEGESSÄULE/Anja Weber)

Auch wenn er seinen Körper wie viele Trans*Männer als identitätsstiftend empfindet, stimmt Nic einem Penoid-Aufbau noch immer nicht zu: Zu häufig haben Patienten unter postoperativen Rückbildungen des Gewebes zu kämpfen, mit Nachblutungen und Wundheilungsstörungen. „Viele Trans*Personen leiden unter der körperlichen Abnormität. Und zwar nicht, weil sie trans* sind, sondern weil sie der Norm nicht entsprechen und ausgegrenzt werden. Ich bin davon überzeugt, dass es ohne diese Art von Diskriminierung deutlich weniger Menschen geben würde, die sich überhaupt unters Messer legen würden.“

Selbst im seltenen Fall einer unkomplizierten Operation sei die Penetration unbequem und enervierend, was einen eigenen Penis als ultimativen Männlichkeitspokal in Frage stellt. Günstige Angebote von Privatkliniken sind zudem selten, da die Nachfrage nicht groß genug ist. Nic überlegt, sich eine Epithese von der Krankenkasse erstatten zu lassen, mit der es möglich wäre, das Sexleben um neue Spielarten zu erweitern. „Natürlich hätte ich mit einem Fingerschnips gern einen Penis, aber der Weg dorthin ist 2018 noch zu steinig, um ihn aufzunehmen. Außerdem geschieht Sex im Kopf: Mit einer stimulierten Klitoris, einem haptisch-identen Penisersatz, manuellen Bewegungen und einem mechanisch erzeugten Erguss – aus Maisstärke und Wasser – ist ein ‚männlicher’ Orgasmus erlebbar. Eine spielerische Optik unterstützt die Fantasie, und Fantasie führt zum Orgasmus. Nicht nur für Penismenschen.“

Bestenfalls Bonus Hole Boy

Gewappnet mit einem neuen Körpergefühl und einer Portion Neugier stürzte Nic mit neuer Haut in die Szene. „Es herrscht eine unausgesprochene Übereinkunft unter Schwulen. Für die bin ich ein ‚Neuer’, werde schlimmstenfalls ignoriert, und werde bestenfalls als ein Bonus Hole Boy angeflirtet. In dieser Männerwelt, in der weibliche Befindlichkeiten keine Rolle spielen, ist Sex sehr präsent, und Trans*Männer gelten als weiteres Toy im Spielzeugparadies.“ Die schnell wirkenden Testosteron-Injektionen haben sukzessive Nics Identitätsspektrum geöffnet, aber eben auch sein sexuelles: „Du sitzt im Auto und wartest, dass die Ampel auf Grün schaltet, und plötzlich überfällt dich ein Hormonschwall und du läufst heiß.“ Das neu erblühte Körpergefühl können Trans*Männer in spezialisierten Tantra-Gruppen ausleben oder auch im Boiler: Berlins Schwulensauna stellt sich der neuen Sichtbarkeit von Trans*, schult ihr Personal und hat über keine negativen Reaktionen auf die neuen Fremden zu berichten. Nic und seine Trans*Kumpels schätzen diese Akzeptanz in der Szene, teils um als Beobachter den eigenen Voyeurismus zu bedienen, teils um sich in den Blicken Anderer ihrer Männlichkeit zu vergewissern.

Und Gelegenheiten dazu finden sich in den schwulen Hotspots Berlins genug: Montags geht’s ins Moritz, dienstags ins 3000, mittwochs trifft man sich im Prinzknecht, Donnerstag drängelt man in die Olfe, freitags bis sonntags vertritt man sich in diversen Clubs die Füße – und all das sind nur wenige von unzähligen Möglichkeiten für Gays. Dort, zwischen prallen Shirts und gespannten Reißverschlüssen, herrscht die Illusion einer Männlichkeit, die keinem Tageslicht standhalten würde. Und in diesem Fleischgewimmel fällt auch wenig auf, dass sich der mittelalte Nic im Stimmbruch befindet. Die Jahre als Herren-Imitator helfen ihm, im nächtlichen Gerumpel der Schwulen unauffällig mitzumachen. Drag-King-Ikone Diane Torr beschrieb Geschlecht als einen Akt, als Künstlichkeit, eine Travestie – und wer hat das besser drauf als Nic, der King of Berlin?

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Nic in seiner Rolle als Nic van Dyke, die nach seiner Transition wieder auflebte (Bild: MAXIM FASHION/Adrian Nakic)

Portrait-Aufnahme von Nic: Piotr Pietrus


Wir sind queer! Wir sind hier!

Maurus Knowles‘ Rede zum Tuntenspaziergang vorm Rathaus Neukölln am 26. Mai 2018.

Wir sind trans. Wir sind lesbisch. Wir sind schwul. Wir sind Tunten. Wir sind intersexuell. Vielleicht sind wir etwas, von dem du noch nie gehört hast, und das du nicht verstehst. Einige von uns sind sogar heterosexuell. Wir sind alles mögliche, aber wir folgen nicht jeder Norm! Und eines haben wir gemeinsam: Wir bitten NIEMANDEN um Erlaubnis, das zu sein, was wir sind!

Wir sind, was wir sind! Und wir sind das NICHT heimlich! Du kannst uns sehen, hier und jetzt. Wir wohnen Wand an Wand. Wir begegnen uns auf der Straße.

Wir sind, was wir sind! Du hast ein Problem damit? Dann such dir einen Therapeuten: Get over it! Du wirst selber klein gemacht? Dann guck dir an, WER dich klein macht!

Wir sind, was wir sind. Und das, was wir noch werden wollen, frei und selbstbestimmt. Wir sind uns untereinander nicht immer einig. Und wir wollen gar nicht von allen geliebt werden! Was wir fordern, ist Respekt! Wir fordern Akzeptanz! Wir fordern Selbstverständlichkeit!

Wir sind queer, und wir sind hier!

Queer-Aktivistinnen Kaey, Maurus Knowles und Gaby Tupper vor Hunderten Protestierenden in Neukölln. (Bild: Die Weddingfilmer)

Die Freiheit führt (immer noch) das Volk

Together we stand, divided we fall.

Unsere Marianne ist keine Nationalfigur mehr, sie gehört keinem Land. Wen die Freiheit führt, der will nicht an Grenzen stoßen, der will keine Barrieren, keine Festungsgräben. Unsere Marianne, das ist Europa. Und nur ein aufgeklärtes, ein offenes Europa kann uns in die Freiheit führen. Uns – und alle die Zuflucht suchen.

Mit dem Bild Die Freiheit führt (immer noch) das Volk wollen wir ein Zeichen dafür setzen, dass wir bereit sind für den Widerstand. Wir stehen gemeinsam gegen die Angst und für die Gelassenheit, gegen den Populismus und für die Demokratie, gegen den Terror und für den Frieden. Dafür nutzen wir unsere eigenen, künstlerischen Mittel – die Travestie ist eines davon.

Ob kämpferisch, stolz, hoffnungsvoll oder sogar widerwillig – jede_r* auf diesem Bild verkörpert den Widerstand auf ganz eigene Weise. Das spiegelt sich in ihren Gesten wider, in ihren Gesichtsausdrücken. Die Gruppe um Marianne hat den Kampf um die Freiheit, um Gleichberechtigung und Geschwisterlichkeit gewonnen. Und das zeigen sie auch.

Zu ihren Füßen liegen deshalb – besiegt! – die Ikonen des Schreckens: Politiker, die in ihrem Streben nach Macht die Welt nicht zum Besseren verändern, sondern sie Stück für Stück auseinandernehmen. So findet sich hier Recep Tayyip Erdoğan an jenem Strick wieder, an dem er neben seinen Oppositionellen auch jeden anderen baumeln sehen will, der es wagt, sich gegen ihn zu stellen. Donald Trump und Marine Le Pen liegen andächtig vereint neben Bernd Höcke, dessen AfD-Armbinde nun keine Euphemisierung – keine Maskierung – seiner Aussagen mehr zulässt, da sie ihn als das entlarvt, was er ist: ein verkappter Neonazi. Und auch Wladimir Putin darf nicht fehlen. In seiner Brusttasche: die Flagge Tschetscheniens – ein Land, das er sich auf sehr viel subtilere Weise einverleibt hat als die Ost-Ukraine, und in dem nun Schwule, Lesben, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen um ihr Leben fürchten müssen. Jeden Tag.

Mit Die Freiheit führt (immer noch) das Volk will die TfD zeigen, dass es sehr wohl Menschen gibt, die an ein starkes, an ein vereintes Europa glauben. (Nicht umsonst findet sich auch das Farbschema von Gelb und Blau häufiger im Bildaufbau wieder). Ob mit der Fackel jener Statue, die in New Yorks Hafen allen ankommenden Flüchtlingen und Immigranten einst die Hoffnung auf ein neues Zuhause schenkte. Oder ob mit dem Megaphon, mit dem wir laut und deutlich zum Protest aufrufen. Immer und immer wieder. Bis alle es hören: Wir sind Marianne. Wir sind Europa. Und wir geben nicht auf.


Bild: Steven P. Carnarius
Text: Alexander Winter

Lasst uns Menschen sein

Ich bin als Mensch aufgewachsen.

„Mensch“ nenne ich es, da meine Eltern bei der Erziehung eines Sohnes statt einer Tochter sehr wahrscheinlich keine andere Methode angewandt hätten. Geschlechter-Dos und –Don’ts standen nämlich nicht auf dem Programm: Mein Zimmer war blau wie der Himmel an einem Sommertag, mein erster Strampler war gelb und erst im Kindergarten kam auf meinen ausdrücklichen Wunsch die pinken Rüschenkleidchen. Ich hatte Kuscheltiere und Bäume gern, und später wurde ich bei Gartenarbeiten genauso herangezogen wie zum Kekse backen, zum Klo putzen wie zum Winterreifen wechseln. Ich habe mit strohblonden Nachbarskindern gespielt und Freunde aus Äthiopien mit nach Hause gebracht.

So hatte ich lange den Eindruck, dass Gender und Herkunft keine Rolle spielten – weil es in meiner Welt keine Rolle spielte. Doch meine Welt war klein.

Denn ich bin cis und hetero, weiß, gehöre zur Mittelschicht und habe weder eine Behinderung, noch gehöre ich einer Religion an. Lange gab es nicht viele Angriffspunkte, um mein behütetes Weltbild zu zerkratzen: Ich war nie politisch aktiv, weil ich nie das Gefühl hatte, es sein zu müssen. In meiner Vorstellung, nach der ich zu handeln versuche, sind alle Mensch – und alle haben das Recht, nach ihrer Fasson Mensch zu sein.

Doch dieses Recht bröckelt. Jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick.

Dieses Recht bröckelt mit jedem Angriff auf Aleppo. Mit jedem Boot, das im Mittelmeer kentert. Mit jedem Kind, das unter freiem Himmel schläft, unter freiem Himmel hungert, unter freiem Himmel friert. Mit jedem Einreiseverbot. Mit der hilflosen Bürokratie, die Menschen nur verwahrt, anstatt sie aufzunehmen. Mit den Parteien, welche die Ängstlichen, die Wütenden, die Verwirrten für ihre Zwecke einspannt. Mit jedem Gesetz, das statt Gerechtigkeit und Gleichheit nur Fremdbestimmung und Leid nach sich zieht. Mit jedem Wort, das einer, der anders denkt, anders glaubt, anders lebt, anders liebt zu seiner Verteidigung anbringen muss. Mit jedem Rückschritt, jedem Rückzug, jedem Mauerbau, den wir machen, statt einander mit offenen Armen zu begegnen. Dieses Recht bröckelt mit einem Clown namens Trump, der längst alle Witznummern abgezogen zu haben scheint und die Manege trotzdem nicht verlassen wird. .

Das Recht bröckelt mit meiner Ratlosigkeit, was dagegen zu tun ist.

Tatsächlich bin ich mir nur bei einer Sache sicher: Schweigen, während Unrecht geschieht, ist falsch.

Werden Demonstrationen die Welt verändern? Konnten hunderttausende marschierende Frauen verhindern, dass ein Mann sich in ihre Körper, in ihre Leben einmischt? Können ehrenamtliche Bemühungen das Leben zwischen Laken und Hochbetten menschlich machen? Wird ein Tanz auf dem CSD dafür sorgen, dass Liebe Liebe sein darf? Wird dieser kleine Beitrag einen Funken Menschsein zünden können?

Sicher nicht. Sicher nicht gleich, sicher nicht sofort. Doch wer marschiert, wer hilft, wer tanzt, wer schreibt, wer spricht, wer empfängt, wer offenen Geistes ist, seinen Weg für andere öffnet und Hass nicht mit Hass beantwortet, der setzt ein Zeichen: Ich bin hier. Wir, die Menschen, sind hier.

Alles ist ein Anfang. Alles.


Text: Sabine Wirsching
Bild: Carson Arias

Frau Weinhaus fragt… Maurice Gajda

Im Auftrag der TfD – Travestie für Deutschland:
Teil 1 der neuen Formatreihe „Frau Weinhaus fragt…“

Heute: Maurice Gajda. Abgefangen im BKA Theater zu Berlin, gibt uns der Fernseh- und Radiomoderator seinen Kommentar zur AfD. Gajda arbeitet u.a. bei ProSieben sowie beim öffentlich-rechtlichen Radiosender Radio Fritz, Rundfunk Berlin-Brandenburg. Ihr könnt ihn bei Twitter, Instagram und YouTube finden.


Bild: Maurice Gajda

Räume

Ich habe den Atem nicht, sagen sie, die Welt sei zu scharfkantig und ich zu sensibel, nicht eigentlich zerbrechlich, nein, viel eher zeichne mich meine Dünnhäutigkeit aus: die Haut, die ich trage, bedecke allenfalls die Blöße, sie schütze aber nicht. Einen wie mich, den die Schwäche zeichne, fräße die Meute ohne zu zögern. Mit Haut und Haaren.

Und dann, wenn ich atme, ist der Raum plötzlich zu klein, den ich begrenze.
Und wenn ich denke – die Gedanken: zügellos wie wilde Pferde –, geht mir der Kopf durch und ich weiß nichts zu erwidern.

Ich, der Stumme. Der am Bettrand steht und niederschaut auf den Niedergang, eine Wiederholung mit anderen Statisten – auf ein Unglück, das heraufzieht mit den Tagen, die uns drohen, uns, den Systemtreuen, wie sie uns nennen, uns, den Verblendeten. Aber ich bin nicht blind. Ich bin zum Sehen geboren. Da, am Bettrand steh ich, wo sich Staub und Schmutz sammeln, und suche die Reste zerbrochener Träume zusammen. Ich sehe täglich Welten auseinanderfallen – und unsere gehört dazu –, die von den Schlafenden zur Seite gewischt werden mit bitteren Mienen. Das ist nicht die Gesellschaft, die ich kenne. Nein. Das sind nicht die Freunde, die ich brauche. Das sind nicht die Männer, die ich ficke, die ich liebe, die ich verloren habe. Andere haben ihre Plätze eingenommen – als wäre etwas unter ihre Haut gekrochen als sie schliefen, etwas, das sich eingegraben hat in ihre Herzen. Ich vermute, durch die Nacht ist es gekommen, ein namenloser Schrecken, der vor Jahren schon umging in diesen Ländern, und der jetzt wieder, ganz langsam, sehr beharrlich, Besitz ergreift von ihren Mündern.

Denn ich höre – alles. Da ist das Ticken, unermüdlich: ein Schicksalsklopfen an unseren Türen, das keine Zeit bemisst, sondern die Verbrechen und Toten, die verlorenen Hoffnungen. Hört: die Menschen auf den Straßen, das Murmeln der Aufmärsche, ihr wütendes Rumoren. Ich höre von den Weißen, die sie in Anführungszeichen setzen mit gekrallten Fingern, und den Flüchtlingen, denen sie viele Namen geben; ich höre die eingeschlagenen Fenster und das Knirschen der Scherben unter den Schuhen. Dass der Zornige immer lauter sein muss als der Weinende. Dass die schlagende Hand immer so viel mehr Lärm macht als die Hand, die einem vom Boden aufhilft. Hätte das Böse eine Stimme – welche Parolen riefe es? Arbeit macht frei? Merkel, das sind deine Toten? Das Böse, eine Abstraktion. Was aber ziehen wir ab vom Guten, was bleibt von uns übrig?

Schweigen.

In meinen Träumen habe ich die Glut von tausend Sonnen gesehen, den Feuersturm. Aleppo, das statuierte Exempel. In meinen Träumen spürte ich den Wind des Lkws im Nacken, der vorüberraste in den Tod; ich habe das Geschrei nicht gehört, das Wehklagen der Verletzten. Da waren nur Sirenen. Alles, was fällt, wird gestoßen von ihnen, wird zu Boden getreten, misshandelt und zum Opfer eines Systems erklärt, das sich hinter falschem Mitleid versteckt. Was aber ist Mitleid? Eine Fähigkeit – oder eine Schwäche? Werde ich, weil ich für Homophobe kein Verständnis zeige, zum Mitleidlosen? Dabei trenn ich doch meinen Müll.

Ich habe nichts verbrochen außer den Wunsch zu hegen, frei leben zu wollen. Ich will mit meinem Freund Händchen haltend über den Kotti laufen, ohne als Schwuchtel, Nichtmensch, Monster deklariert zu werden. Will keine Angst haben müssen, dass meine Freunde geschlagen und bespuckt werden, dass sie sich einer Gefahr aussetzen, wenn sie einen Club betreten. Was verschließt uns denn die Lippen? Warum bleibt uns der eigene Aufschrei nur so tief im verstimmten Magen hängen? Wie können wir nur ohnmachten, während uns die Machtlosen entwürdigen, demütigen, bedrohen? Warum ist unsere Angst alles, was wir ihrer Wut entgegensetzen? Sie verlangen und fordern, zeigen ihre Mistgabeln und brennenden Fackeln, und wir, wie Tiere, treiben uns gegenseitig in die Ecken, schütteln missbilligend die Köpfe, schreiben, wütend, Kommentare, die keine Ressonanz erzeugen. Wir schreiben nicht unseretwillen, wir schreiben der Gerechtigkeit wegen. Aber wofür? Um Recht zu behalten?

Ich habe nichts vergessen. Auch damals haben die Leute geschwiegen.

Was, wenn wir es sind, die sich Gehör verschaffen müssen? Wenn es nicht reicht, bloß da zu sein – als Zeugen und Kommentatoren, als die unbeteiligten Dritten? Wenn das Dagegensein aufhören muss, komfortabel zu sein? Wir können aus der Distanz nichts verhindern. Weder die einen Unglücke, noch die anderen. Sie werden nach dem Terror in Berlin vermutlich mehr Kameras in der Stadt installieren, werden weiter beobachten, schärfer, länger, das ist, was sie wollten. Dem Terror werden sie damit nicht die Existenzgrundlage nehmen, denn der Terror, der geschieht in den Köpfen, nicht auf den Straßen. All diese heiligen Krieger, die sich in die Luft sprengen und um sich schießen, die nichts hinter sich lassen als Tote, Zerstörtes – das sind bloß die Attacken. Die sind analog zu den Bomben und gelieferten Waffen. Sie sind, was uns auseinander treibt. Uns? Das ist nichts Homogenes. Wir, das ist die Summe der Einzelteile, die Gesellschafter, die begreifen müssen, dass das Politische keine bureaukratische Angelegenheit ist, die ohnehin nur in Ungerechtigkeit mündet, sondern dass das Politische, die Beschäftigung mit dem Politischen, der Raum ist, in dem wir leben. Leben können, müssen, dürfen.

Wenn ich also atme, und der Raum, der mich begrenzt, zu klein ist für mich, dann muss ich ihn weiten. Ich lasse mich nicht ersticken. Nein.


Text: Alexander Winter